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Best-Practice-Falle: Warum Kopieren Unternehmen oberflächlicher macht und nicht trendiger

vor 1 Stunde
5 Min. Lesezeit

Jede Branche hat ihre Vorzeigefirmen. So machen beispielsweise Smartphone-Hersteller am Ende doch irgendwie iPhones und Galaxys nach. Oder wenn der selbsternannte «Chief Creative Evangelist» eines global agierenden Tech-Konzerns an der Konferenz referiert, «wie man es macht» und alle nur noch diese spezielle Firma imitieren wollen. Was als Inspiration verkauft wird, ist oft simple Nachahmung, und dafür gibt es sogar einen Fachbegriff: Organisationaler Isomorphismus. Dieser Artikel zeigt, warum simples Imitieren eine Organisation gleichförmig macht, und wie echte Inspiration stattdessen eigenständige Lösungen freisetzt.



Du liest in deinem Lieblings-Wirtschaftsmagazin mal wieder einen Artikel mit dem «Best Case» oder der «Success Story» einer bekannten Firma. «Das machen die so erfolgreich, warum machen wir das eigentlich nicht auch, das ist doch total trendy?» Und du erzählst davon am nächsten Team-Meeting.


Alle nicken.


Niemand fragt, ob die Ausgangslage überhaupt vergleichbar ist. Ein Jahr später scheitert das kopierte Modell an der eigenen Kultur.


Warum die Best-Practice-Falle im Unternehmen immer wieder zuschlägt

In den 1980er-Jahren beschrieben die Soziologen Paul DiMaggio und Walter Powell, weshalb sich Organisationen innerhalb eines Feldes einander angleichen. Sie nannten das mimetischen Isomorphismus. Firmen ahmen erfolgreiche Vorbilder nach, weil das Unsicherheit reduziert und Legitimität verschafft. Das klingt vernünftig. Und ist trotzdem eine Falle. Wer nachahmt, kopiert nicht nur die Lösung. Er übernimmt stillschweigend auch die Annahmen, unter denen sie entstanden ist. Diese Annahmen passen selten zur eigenen Organisation.

Wissenschaftlicher Hintergrund DiMaggio und Powell zeigten 1983 in ihrer vielzitierten Studie zum institutionellen Isomorphismus, dass sich Organisationen innerhalb eines Feldes strukturell immer ähnlicher werden, unabhängig davon, ob dies ihre Leistungsfähigkeit tatsächlich verbessert. Ihr Fazit: Ähnlichkeit schafft Legitimität, nicht zwingend Erfolg.

Influencer, Benchmarks, Trendreports und Erfolgsmodelle sind die heutigen Verstärker dieses Mechanismus. Sie machen Nachahmung schneller, sichtbarer und salonfähiger als je zuvor.


Influencing versus Inspiring: zwei Prinzipien, ein Unterschied

Heute setzen quasi alle Social Media-Plattformen in mehr oder weniger grossem Umfang auf Influencing. Was vielen gefällt oder gefallen könnte, wird allen gezeigt. Influencing liefert meist fertige Antworten. Im B2C-Bereich werden Produkte vorgeschlagen, die man «kaufen sollte». Im Tourismus die Hotspots, die man «unbedingt gesehen haben muss». Im B2B-Umfeld ist es ein Modell, ein Framework, ein Fünf-Schritte-Plan, den angeblich alle erfolgreichen Unternehmen nutzen. Genau das ist das Problem: Die Lösung kommt vor der Diagnose. Inspiring funktioniert umgekehrt. Es liefert keine Antwort, sondern eine Irritation. Ein überraschender Impuls, eine neue Perspektive, ein Gedanke aus einer fremden Branche, der dich zum Nachdenken zwingt, statt dir eine Kopiervorlage zu geben. Aus dieser produktiven Irritation entsteht die eigene Lösung, nicht aus dem Übernehmen der fremden.


Die Best-Practice-Falle wird durch folgende Menschentypen im Unternehmen verstärkt

In fast jeder Organisation begegnest du den Copy-Paste-Strategen. Das sind diejenigen, die Massnahmenkataloge 1:1 übernehmen, inklusive Fachbegriffen, die im eigenen Haus niemand versteht. Vorzugsweise sind das heute KI-Vorschläge, die kaum auf Plausibilität geprüft werden. Und KI baut bekanntlich auf Vorhandenem und Bekanntem auf (siehe dazu auch unser Future Skills Training SENSEMAKING im «House of Skills».

Dann läuft dir immer wieder der Buzzword-Jongleur über den Weg. Dieser sammelt Trendbegriffe wie Trophäen, ohne je zu fragen, was davon zur eigenen Realität passt. Aber es klingt gut. Und vor allem wichtig.

Und - aller guten Dinge sind drei - gibt es noch die Case-Study-Süchtigen. Alles muss belegt sein. Empirisch und nachweisbar. Diese «Spezies» kennt jedes bekannte Erfolgsbeispiel auswendig, aber nicht das eigentliche Problem im eigenen Team.


Die Risiken der Nachahmung: was Unternehmen verlieren, wenn sie kopieren

Nachahmung wirkt sicher, ist aber teuer. Erstens verlierst du Differenzierung: Wer alles macht wie alle anderen, konkurriert irgendwann nur noch über den Preis. Zweitens entsteht ein Passungsproblem: Ein Modell, das für eine andere Kultur, Grösse oder Marktlage entwickelt wurde, greift bei der eigenen Organisation oft ins Leere*. Drittens verkümmert die eigene Diagnosefähigkeit: Wer sich an fremden Lösungen orientiert, hört auf, die eigenen Probleme wirklich zu verstehen. Und viertens bleibt echte Innovation aus, weil Energie und Budget in Nachahmung statt in eigene Entwicklung fliessen. Das Resultat ist eine Organisation, die aussieht wie viele andere, aber genau deshalb austauschbar wird.

*Lies dazu unsere Artikel zu «Organisationaler Ambidextrie». Ein Thema, bei dem in besonderem Masse auf Individualität und Eigenständigkeit gesetzt werden muss. Freiraummodelle wie bspw. jene von Google oder 3M können nie einfach so kopiert werden. Artikel 1: https://www.soulworxx.com/post/ambidextrie-in-der-praxis Artikel 2: https://www.soulworxx.com/post/ambidextrie-interview Artikel 3: https://www.soulworxx.com/post/ambidextrie-interview

Vom Kopieren zum eigenen Weg: praxisnahe Schritte zu mehr Eigenständigkeit

Erstens: Frag nach dem Kontext hinter dem Erfolgsmodell, nicht nur nach dem Modell selbst. Für welches Problem, welche Kultur, welche Marktphase wurde es entwickelt? Zweitens: Nutze Inspiration bewusst als Impuls und nicht als Prototyp. Branchenfremde Beispiele eignen sich dafür besonders gut, weil sie gar nicht erst zur direkten Kopie einladen. Drittens: Setze vor jede Lösungsübernahme eine echte Diagnosephase, etwa mit der Theory of Change*, um zuerst zu klären, was bei euch wirklich wirkt. Viertens: Schaffe geschützte Kreativräume, in denen eigene Experimente entstehen dürfen, auch wenn sie noch nicht wie eine bewährte Lösung aussehen.

*Die Theory of Change beschreibt, wie und warum konkrete Aktivitäten über definierte Wirkungen zu einem angestrebten langfristigen Ziel führen.

Reflexionsfragen und Methoden für Teams und Führungskräfte

Nimm diese Fragen mit in die nächste Strategierunde:

  • Kopieren wir gerade eine Lösung, oder verstehen wir das Problem dahinter wirklich?

  • Was unterscheidet unsere Ausgangslage von dem Vorbild, das wir gerade bewundern?

  • Woher kommt der Druck, jetzt sofort ähnlich zu werden wie das Unternehmen XY?

  • Was würde passieren, wenn wir dieses Modell bewusst nicht übernehmen?


Für die praktische Arbeit eignen sich LEGO® SERIOUS PLAY®, um unausgesprochene Annahmen im Team sichtbar zu machen, Design Thinking, um zuerst das eigene Problem präzise zu definieren, bevor eine Lösung gesucht wird, und Trend Embedding, ein Ansatz, um Trendimpulse gezielt in die eigene Organisation zu übersetzen, statt sie unverändert zu übernehmen.

«Wer kopiert, was erfolgreich aussieht, löst das Problem von gestern. Wer versteht, was zur eigenen Organisation passt, löst das eigene.»

Nicht kopieren, was glänzt

Die nächste Präsentation oder der nächste Fachartikel mit dem fremden Erfolgsmodell kommt bestimmt. Die Frage ist, ob du sie unreflektiert kopierst oder ob du sie als Denkanstoss nutzt. Im nächsten Artikel stellen wir dir eine neuartige - von SOULWORXX entwickelte - Kreativmethode vor, die explizit dafür entwickelt wurde, spannende Produkte, Dienstleistungen oder Modelle an eigene Bedürfnisse und Einschränkungen anzupassen, damit sie nicht einfach «tel quel» von den Vorlagen übernommen werden.


Die Methode heisst «The Craft Method». Weil sie auf dem Obstbau-Prinzip des «Pfropfens» aufbaut. Man nimmt das Edelreis (einjähriger, gesunder Trieb eines Obstbaumes) und pfropft es auf die eigene Unterlage (die eigenen Wurzeln). Passt es nicht zusammen, stösst die Pflanze es ab. Passt es, entsteht eine neue Sorte, die weder Original noch Kopie ist.

SOULWORXX begleitet Teams und Führungskräfte dabei, aus Inspiration eigenständige, tragfähige Lösungen zu entwickeln, mit Workshops und Coaching, die genau an diesem Punkt ansetzen. Investiere 5 Minuten, um ein gutes Briefing für dich selbst (oder für uns) zu erstellen und beantworte die Fragestellungen im folgenden Tool «COPY OR CREATE», um die Aufgabe zu schärfen.



Quellen und weiterführende Literatur

  • DiMaggio, P. J. & Powell, W. W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review, 48(2), 147–160.

  • Walgenbach, P. (2014). Institutionalistische Ansätze in der Organisationstheorie. In: Kieser, A. & Ebers, M. (Hrsg.), Organisationstheorien.

  • Edmondson, A. C. (2023). Right Kind of Wrong: The Science of Failing Well. Atria Books.

  • McKinsey & Company. The State of Organizations (aktuelle Ausgabe).

  • Zukunftsinstitut. Trend- und Zukunftsforschung als Impulsgeber für Organisationen.

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