Spielerisches Change Management: Wer sein Team spielen lässt, braucht weniger Ausdauer im Change
- Markus Müller

- vor 3 Tagen
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Spielerisches Change Management klingt nach Sandkasten für Erwachsene. Ist es auch! Und genau das ist das Schöne. Mit visuellen Co-Creation-Methoden und dem Prinzip des IKEA-Effekts entstehen Veränderungsprozesse, die Teams nicht ertragen müssen, sondern selbst mitgestalten. Eine praxiserprobte Betrachtung mit Mini-Use-Case und einem Werkzeugkasten, der zeigt, wie lustvolles Transformationsmanagement konkret aussieht.
Die Situation: Euer Management hat eine Reorganisation beschlossen. Das ist schon fast Alltag geworden. Weniger Ausnahmesituation. Du bekommst den Auftrag, «die Leute mitzunehmen». Du weisst bereits, was das bedeutet:
Drei Workshops
Viele PowerPoint-Folien
Ein Kommunikationsplan, den niemand liest
Und Mitarbeitende, die nickend dasitzen und innerlich auf die Uhr schauen.
Der Veränderungsprozess beginnt und er fühlt sich an wie Zahnschmerzen. Ein Schmerz, den man kennt, weil man ihn schon oft erlebt hat. Kein Einzelfall, sondern mühselige Gewohnheit.
Der Schmerz-Reflex: Warum unser Gehirn «Transformation» mit «Bedrohung» verwechselt
Unser Gehirn liebt das Bekannte. Routinen sind energiesparend, das Neue ist energiefressend. Neurowissenschaftlich betrachtet, aktiviert Unsicherheit denselben Bereich im präfrontalen Kortex wie physischer Schmerz. Deshalb erleben Menschen Veränderungen intuitiv als Gefahr erleben, nicht als Chance.
Das erklärt, warum klassische Change-Kommunikation so oft versagt. Präsentationen, Newsletter und FAQ-Dokumente sprechen die rationale Ebene an. Der Mensch lebt aber auf der emotionalen.
Neurowissenschaftlicher Einschub Matthew Lieberman von der UCLA zeigte in seinen Forschungen (u.a. Social: Why Our Brains Are Wired to Connect, 2013), dass sozialer Kontrollverlust und das Gefühl des Ausgegrenztseins dieselben neuronalen Schmerznetzwerke aktivieren wie körperlicher Schmerz. Change-Prozesse, die Mitarbeitende zu Betroffenen statt zu Gestaltenden machen, lösen exakt diesen Kontrollverlust aus. Mit entsprechenden Widerstandsreaktionen als Folge. Die Lösung liegt nicht im besseren Kommunikationsplan. Sie liegt im «Wie» der Beteiligung.
Das Problem liegt also selten im Inhalt der Transformation. Es liegt fast immer in der Art, wie sie eingeführt wird.
Von der Blaupause zum Spielfeld: Was spielerisches Change Management wirklich bedeutet
Spielerisch bedeutet nicht «weniger ernst». Es bedeutet: weniger Angst, mehr Gestaltungsraum, mehr Energie. In unserem Buch Change Playbook – Veränderungen visuell und spielerisch begleiten (Haufe, 2020) haben wir das Gegenprinzip zur linearen Projektplanung entwickelt: das Change Playkit. Das ist ein Werkzeugkasten aus visuellen und spielerischen Methoden, der komplexe Transformationsprozesse greifbar, gestaltbar und damit tragbar macht.

Das Kernstück ist die Change Canvas: ein visuelles Arbeitsformat, das Teams gemeinsam befüllen und nicht ein:e Projektleiter:in allein in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Dazu kommen Prototyping-Methoden und Kreativformate, die einen Veränderungsprozess in verdauliche Einheiten zerlegen.
Der entscheidende Unterschied zu klassischer Projektplanung: Man tastet sich spielerisch an Lösungen heran, statt einen fertigen Plan top-down zu verkünden.
Drei Prinzipien, die im spielerischen Change Management immer greifen:
VISUALIZE: Komplexes sichtbar machen, bevor man es erklärt
PROTOTYPE: In kleinen Schleifen testen, statt grosse Würfe zu riskieren
CO-CREATE: Betroffene zu Gestalter:innen machen
Das dritte Prinzip ist das mächtigste und hat sogar einen Namen.
Der IKEA-Effekt im Veränderungsprozess: Selbst Gebautes trägt besser
Wie in unserem Blogartikel über den IKEA-Effekt bereits gezeigt: Menschen schätzen Dinge, an deren Entstehung sie selbst beteiligt waren, deutlich höher ein als fertig gelieferte Lösungen. Norton, Mochon und Ariely belegten das 2012 im Journal of Consumer Psychology klar: Die eigene Arbeitsleistung erzeugt emotionale Bindung und das unabhängig vom objektiven Ergebnis.
Das gilt für IKEAs Billy-Regale. Und es gilt für Transformationsprojekte.
Co-Creation im spielerischen Change Management bedeutet: du lädst die Betroffenen ein, die Lösung von Anfang an mitzugestalten. Nicht als Alibi-Partizipation im letzten Workshop, wenn die Entscheidungen längst gefallen sind. Sondern vom ersten Schritt an.
«Wer seinen Change selbst baut, trägt ihn. Wer ihn geliefert bekommt, erträgt ihn.»
Das klingt simpel. Es ist auch simpel. Und es scheitert dennoch ständig. Weil es Zeit braucht, Führungskräfte erfordert, die Kontrolle loslassen können, und weil es bedeutet, auf Antworten zu verzichten, die man eigentlich schon kennt.
Mini-Use-Case: Die Expedition
In türkisfarbener Schrift (Türkis ist übrigens, die Farbe der Veränderung, wer das noch nicht wusste) die spielerischen Elemente im Change-Prozess
Ein produzierendes KMU aus der Deutschschweiz. 80 Mitarbeitende. Das ERP-System soll komplett ausgetauscht werden. Klassischerweise: ein Lastenheft, ein Umsetzungsplan und ein:e IT-Projektleiter:in, der/die acht Monate lang unbeliebt ist.
Stattdessen: Die Expedition.
Das Führungsteam erklärt der Belegschaft nicht, wohin die Reise geht. Es lädt sie ein, die «Karte gemeinsam zu zeichnen». In einem Kick-off-Workshop mit der Change Canvas arbeiten gemischte Teams aus IT, Produktion, Verwaltung und Verkauf zum Einstieg an der gemeinsamen Frage: «Wo wollen wir in zwei Jahren stehen?»
Das Ergebnis ist kein fertiger Projektplan. Stattdessen entsteht ein geteiltes Bild der Ausgangslage bzw. des Zielbildes. Die erste Phase der Visionsentwicklung wurde in diesem Projekt In diversen Kurz-Workshops mit der spielerischen Methodik LEGO® SERIOUS PLAY® durchgeführt. Oder - für diejenigen, die zu wenig offen für diese Arbeitsweise waren - mit alternativen Techniken wie bspw. Collagen u.w.
In den folgenden Wochen wurden erste Storyboards bzw. Pretotypen der Prozesse, Organisationsformen, neue Skills etc. über Visualisierungen erstellt. Diese wurden quantitativ (mit einem simplen Sternesystem: 1-Stern = Nicht umsetzbar | 5 Sterne = Passt perfekt | Plus Freitextfelder) in der ganzen Belegschaft getestet. Hernach arbeiteten zwei Abteilungen probeweise mit dem neuen System, gaben Feedback, passten an. Kein «Big Bang», sondern schrittweises Entdecken.
Die Kommunikationsmassnahmen wurden mit verschiedenen Kreativitätstechniken erarbeitet, bestehende Prozesse mit Techniken wie bspw. der Buyer Utility Map verbessert und das Onboarding bzw. die Umsetzungsplanung/das Roadmapping mit der CHANGE LANDSCAPE - einem Tool aus dem CHANGE PLAYKIT von SOULWORXX erarbeitet.
Nach sechs Monaten läuft die Einführung ohne grossen Widerstand. Nicht weil die Menschen keinen Widerstand mehr hätten. Sondern weil sie keinen mehr brauchen. Das System ist ja ihres.
Die vier Typen im spielerischen Veränderungsprozess. Und wie man alle vier ins Spiel bringt

Nicht alle reagieren gleich auf Gestaltungsräume. Hier sind die drei Typen, die du in jedem Change-Prozess antreffen wirst:
Die «DRIVER»: Die DRIVER springen sofort auf, bringen Energie, brauchen jedoch Struktur damit sie nicht «übersteuern»
Die «DRIFTER»: Die DRIFTER warten ab, beobachten, folgen dann verlässlich dem Strom der Mehrheit.
Die «DRAGGER»: Die DRAGGER bremsen aktiv, stellen Fragen, die keiner stellen will. Und ist damit oft der wertvollste Mensch im Raum.
Die «ZOMBIEs»: Die Zombies stellen das gefährliche Pendant zu den DRAGGERS dar. Sie nicken in jeder Sitzung, blockieren danach allerdings im Alltag. Die ZOMBIES erkennst du oft erst in Monat drei.
Spielerische Formate mit visuellen Methoden helfen besonders beim DRIFTER und beim DRAGGER: Sie schaffen niederschwellige Einstiegspunkte für alle, die bei klassischen Change-Workshops zuverlässig die Arme verschränken.
Dein nächster Schritt: Spiel beginnen
Erkennst du diese Dynamiken in deiner Organisation? Dann lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Wie gestalteten wir Transformation bisher? Als Pflichtprogramm oder als gemeinsames Spiel?
In der SOULWORXX Change-Management-Begleitung arbeiten wir mit all diesen visuellen und spielerischen Co-Creation-Methoden. Nicht weil das trendiger klingt, sondern weil es funktioniert und nachweisbar nachhaltiger ist.
Wenn du tiefer eintauchen willst: Das Change Playbook gibt dir den kompletten Werkzeugkasten in die Hand. Inklusive Change Canvas, Prototyping-Methoden und konkreten Praxisbeispielen. Oder hol dir erste Impulse direkt in der SOULWORXX Videothek.
Denn am Ende gilt: Wer seinen Wandel mitspielt, gewinnt. Wer ihn erleidet, verliert. Auch wenn das Projekt offiziell «abgeschlossen» wurde.
Quellen & weiterführende Literatur
Lieberman, M.D. (2013). Social: Why Our Brains Are Wired to Connect. Crown Publishers, New York.
Müller, M. (2020). Change Playbook – Veränderungen visuell und spielerisch begleiten. Haufe, Freiburg.
Norton, M.I., Mochon, D. & Ariely, D. (2012). The IKEA Effect: When Labor Leads to Love. Journal of Consumer Psychology, 22(3), 453–460.
Dehghanian, P. et al. (2025). A game for future change management and sense-making: New Path–New Image (N.PI). Futures, ScienceDirect.
Werbach, K. & Hunter, D. (2012). For the Win: How Game Thinking Can Revolutionize Your Business. Wharton Digital Press.




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