Ein Kreativraum macht noch keine Innovationskultur
- Markus Müller

- vor 14 Stunden
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Der Hype um Kreativräume ist vorbei. Zum Glück, denn fast niemand hat sie bisher wirklich ausgeschöpft. Dieser Artikel zeigt anhand der neurologischen Ebenen von Robert Dilts, warum selbst ein gut eingerichteter Kreativraum oft nur zu zwanzig oder dreissig Prozent genutzt wird, und was du dagegen tun kannst.
Vor zwei Jahren hat die Innovationsabteilung einen frei nutzbaren Projekt- und Kreativraum eingerichtet. Braucht man. Unbedingt sogar, denn die Firma will natürlich «en vogue» sein als innovativ/kreativ gelten. Gehört zum Employer Branding. Gestern hast du einen kreativen Team-Workshop geleitet. Und du hast dir gedacht: «Jetzt nutze ich diesen Raum auch einmal, mal schauen, wie kreativ unsere Ideen werden!»
Die Sitzsäcke standen brav in der Ecke. Seit dem Oster-Apero hat sie niemand bewegt. Am Whiteboard kleben noch Post-its von einer Projektgruppe, die im März aufgelöst wurde. In der Leseecke stapelt sich altes Druckerpapier. Der einzige Mensch im Raum ist Reto aus dem Verkauf. Er isst hier sein Sandwich, weil es ruhiger ist als in der Kantine. Das ist leider in vielen Schweizer und deutschen Organisation mit Kreativraum der Normalzustand.
Der Denkfehler: Ein Kreativraum ist nicht gleichbedeutend mit Innovationskultur
Viele Geschäftsleitungen denken in einer einfachen Gleichung. Wir bauen einen Kreativraum, also werden wir kreativer. Diese Gleichung geht nicht auf. Der Unterschied zwischen Kreativraum und Innovationskultur lässt sich mit einem Modell erklären, das ursprünglich aus der Psychologie stammt und wir von SOULWORXX längst breit in der Organisationsentwicklung anwenden.
Die neurologischen Ebenen von Dilts im Unternehmen
Robert Dilts entwickelte sein Modell der neurologischen Ebenen Mitte der 1980er-Jahre, angelehnt an die Lerntheorie von Gregory Bateson. In unserer leicht angepassten Version beschreibt das Modell fünf Stufen (im Original sechs), die aufeinander aufbauen. Umgebung, Verhalten, Fähigkeiten, Werte & Kultur sowie Purpose. Das Essenzielle dabei: Jede höhere Ebene organisiert die darunterliegende.

Ein Kreativraum spielt sich vollständig auf der untersten Ebene ab, der Umgebung. Er kann Verhalten begünstigen, mehr aber nicht. Eine echte Innovationskultur entsteht erst auf den Ebenen Werte, Identität und Sinn. Dort wird entschieden, ob Fehler erlaubt sind, ob Ideen tatsächlich Gewicht haben und ob sich ein Team als gestaltend versteht oder als bloss ausführend. Das erklärt, warum Unternehmen mit dem schönsten Kreativraum trotzdem eine Kultur der Bedenkenträgerei pflegen können. Der Raum war nie das Problem. Er war nur nie die Lösung.
Wissenschaftlicher Hintergrund Das Capgemini Digital Transformation Institute befragte 1'700 Mitarbeitende in 340 Organisationen zur Innovationsarbeit. Das Ergebnis: Nicht die Ausstattung bremst Innovation, sondern eine fehlende innovationsfreundliche Kultur und unklare interne Prozesse. Mehrere Branchenanalysen schätzen deshalb, dass bis zu neun von zehn unternehmensinternen Innovationszentren ihr Versprechen am Ende nicht einlösen.
Kreativraum einrichten: Was einen guten Raum ausmacht
Ein guter Kreativraum unterscheidet sich bewusst vom normalen Sitzungszimmer. Er bietet mehrere Zonen, etwa für Workshops, für konzentriertes Arbeiten und für lockeren Austausch. Das Fraunhofer-Institut IESE betreibt in Kaiserslautern einen Innovation Space mit sechzig Quadratmetern Whiteboard-Fläche und beweglichen Möbeln. Genau diese Beweglichkeit zählt. Tische und Stühle, die sich verschieben lassen, signalisieren: Hier ist die Sitzordnung nicht fix, und vieles andere auch nicht. Dazu kommen ausreichend Tageslicht, eine angenehme Akustik und genug Fläche zum Kleben, Skizzieren und Bauen. Grösse allein macht noch keinen guten Kreativraum. Aber ohne Platz für Chaos funktioniert kreative Arbeit selten.

Warum sich ein Kreativraum trotzdem lohnt
Warum Kreativräume nicht genutzt werden, hat meist denselben Grund. Ihnen fehlt ein klarer Zweck, kein fehlendes Mobiliar. Trotzdem lohnt sich die Investition. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum mit Unternehmen zwischen 400 und 75'000 Mitarbeitenden zeigt, dass 50 bis 75 Prozent der Entscheidungsgründe für einen Kreativraum emotional sind. Ein Kreativraum ist ein Versprechen an die Mitarbeitenden, das man im Alltag sichtbar einlöst. Er sagt: Hier darfst du anders denken als im Tagesgeschäft. Diese symbolische Wirkung ist oft wichtiger als jedes einzelne Möbelstück. Ohne diesen Raum gibt es schlicht keine Bühne für die Verhaltensänderung, die eine Innovationskultur am Ende braucht.
Kreativraum gestalten: Was hinein gehört, und welche Wirkung es hat
In einen guten Kreativraum gehören grosse, beschreibbare Flächen für Whiteboards und Moderationskarten. Sie machen Denken sichtbar und damit teilbar. Dazu gehören Materialien zum schnellen Bauen, etwa Karton, Lego oder Klebeband, weil Hände oft schneller verstehen als Köpfe. Bewegliche Sitzgelegenheiten unterschiedlicher Höhe brechen die gewohnte Sitzungsdramaturgie. Und Tageslicht, Pflanzen (auch wenn es - für diejenigen, die immer vergessen, zu giessen - bloss künstliche sind) und wenig visuelle Unordnung sorgen für das, was die Workplace-Forscherin Jacqueline Vischer den psychologischen Komfort eines Arbeitsplatzes nennt. Funktionale Möbel allein verbessern laut ihrem Stufenmodell die Arbeitsqualität nur bis zu einem gewissen Punkt. Erst die dritte Stufe, der psychologische Komfort, wirkt sich auf Kreativität, Identifikation und Zusammenarbeit aus.
Kreativraum richtig nutzen: Wie und wozu das gelingt
Wie wird ein Kreativraum sinnvoll genutzt? Indem du ihm einen Zweck gibst, der über das gewöhnliche Sitzungszimmer hinausgeht. Ideensprints. Prototyping. Retrospektiven. Workshops zur Strategieentwicklung. Ein Kreativraum soll sich in der Nutzung BEWUSST von Status-Update-Meeings oder «normalen» Workshops unterscheiden. Wer das nicht beachtet, landet meist bei einem von vier Typen des ungenutzten Kreativraums. Wir nennen sie bei SOULWORXX auch mal das «R.A.U.M.-Muster» (ja... eine weitere unserer beliebten Wortspielereien ;-).
Requisitenkammer. Der Raum lagert alte Beamer, Flipcharts und die Weihnachtsdekoration. Ausweichbüro. Sind die Plätze im Grossraumbüro knapp, zieht jemand mit Laptop ein. Unfallort. Niemand räumt auf, niemand fühlt sich zuständig, der Raum verwahrlost.
Museum. Der Raum wird Kundinnen und Kunden gezeigt, aber nie wirklich bespielt.
Wer in eines dieser vier R.A.U.M.-Muster rutscht, hat ein Organisationsproblem, kein Möbelproblem.
«Ein Kreativraum ist eine Bühne. Bühnen brauchen Schauspieler. Kein Mobiliar allein macht ein Stück.»
Innovationsraum oder Kreativraum: Was du sonst noch beachten solltest
Miss die Nutzung, nicht nur die Investition. Eine einfache Auslastungsquote zeigt schnell, ob dein Innovationsraum lebt oder nur dekoriert. Führungskräfte sollten den Raum selbst nutzen, nicht nur eröffnen. Und am wichtigsten: Was im Kreativraum entsteht, braucht eine Verantwortlichkeit für die Umsetzung. Ohne Entscheidungsbefugnis nach dem Workshop sterben gute Ideen genau dort, wo sie entstanden sind. Schön dokumentiert auf einem Flipchart, das niemand mehr anschaut.
Wie viel von eurem Kreativraum nutzt du wirklich aus? Wenn die Antwort näher bei zwanzig als bei achtzig Prozent liegt, lohnt sich ein Blick auf die Ebenen dahinter, nicht auf die Möbel. Im nachfolgenden «Reality Check-Tool» erhältst du deinen «individuellen Prozentsatz» für euer Unternehmen.
In unseren Workshops zur Organisationsentwicklung arbeiten wir genau an dieser Lücke zwischen Raum und Kultur. Nutze das Kontaktelement innerhalb des folgenden Checks und frag uns unverbindlich an, wie ihr eure Innovationskultur oder euren Kreativraum besser gestalten und/oder nutzen könnt.
Verwendete Literaturquellen zum Thema «Kreativraum»
Dilts, R. (1990). Changing Belief Systems with NLP. Capitola: Meta Publications.
Bateson, G. (1972). Steps to an Ecology of Mind. Chicago: University of Chicago Press. (Lerntheorie als Grundlage des Dilts-Modells)
Capgemini Digital Transformation Institute, zitiert nach t3n.de (2017). «Warum die meisten Unternehmen an der Innovation scheitern». https://t3n.de/news/innovation-kultur-capgemini-887516/
Ewen, C., Meierotte, K., Klein, L., Öncel, H., betreut von Prof. Dr. Nicola Werbeck und Dr. Anna Talmann, Ruhr-Universität Bochum (2019). Studie zum Nutzen von Innovation Spaces, veröffentlicht via NEU – Gesellschaft für Innovation. https://www.neu-innovation.de/innovation-spaces-kreativraum/studie-zum-nutzen-von-innovation-spaces/
Fraunhofer IESE. Kreativraum Innovation Space. https://www.iese.fraunhofer.de/de/loesung/kreativraum-innovation-space.html




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