Innovation in KMU: Wenn Underdogs schneller rennen als Konzerne
- Markus Müller

- vor 4 Tagen
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Konzerne gründen Innovationsabteilungen mit eigenem Budget, eigenem Etagenschild, eigenem Kaffeeautomaten und natürlich Billardtischen, Kicker und Dartsscheiben. Das sind «Probleme».
KMU haben oft nur ein Problem, einen Freitagnachmittag und keine andere Wahl. Genau das ist der Innovationsvorteil von KMU, den die Forschung «Bricolage» nennt und den kaum eine Konzernstrategie einholt.
Nehmen wir an, du führst eine Werkstatt mit zwölf Leuten. Dann ruft dich ein Kunde an. Seine Herausforderung ist neu für dich und dein Team. Eine Lösung existiert noch nicht. Du hast keine Innovationsabteilung. Du hast einen Schraubenschlüssel, drei Leute mit Ahnung und bis Freitag Zeit. Also baust du etwas, testest es beim Kunden, passt es an und verrechnest es. Fertig. Keine Roadmap, kein Steering Committee, kein Proof of Concept für den Proof of Concept. Das ist die Struktur in einem KMU. Und diese Struktur schlägt in vielen Fällen die teuerste Innovationsabteilung der Konzernwelt.
Innovation in KMU: Warum Mangel produktiver macht als Budget
Die Organisationsforscher Ted Baker und Reed Nelson haben 2005 in einer vielzitierten Studie 29 ressourcenarme Unternehmen untersucht und ein Verhalten beschrieben, das sie «Bricolage» nannten: das pragmatische Zusammenbauen von Lösungen aus dem, was gerade vorhanden ist, statt aus dem, was man sich eigentlich wünschen würde. KMU praktizieren das seit jeher, meist ohne den Begriff dafür zu kennen. Konzerne dagegen bauen zuerst die Voraussetzungen, dann das Team, dann den Prozess und irgendwann, vielleicht, das Produkt.
Wissenschaftlicher Hintergrund Baker und Nelson zeigten in ihrer Studie «Creating Something from Nothing» (Administrative Science Quarterly, 2005), dass ressourcenarme Firmen durch improvisierte Kombination vorhandener Mittel Innovationen hervorbrachten, die grössere, besser ausgestattete Wettbewerber gar nicht erst versuchten. Der Mangel selbst wirkte als Filter gegen Perfektionismus und Verzögerung.
Konzern-Innovationsabteilungen: Eine kleine Typologie
Innovationsabteilungen in Grossunternehmen sind dagegen oft erstaunlich starr. Systemisch bedingt. Natürlich sind nicht alle gleich träge, doch einige typische Ausprägungen begegnen dir erstaunlich häufig.
Das Innovationslab ohne Ausgang. Schöne Räume, bunte Sofas, ein eigener Slogan. Ideen gehen rein, verlassen den Raum aber selten in Richtung Markt.
Die PowerPoint-Pioniere. Jede Idee bekommt zuerst eine Präsentation, dann ein Steering Committee, dann eine zweite Präsentation für das Steering Committee, das beim ersten Mal nicht konnte.
Die Copy-Paste-Champions. Innovation bedeutet hier: schauen, was die Konkurrenz macht (das nennt sich dann «Business-» oder «Market Intelligence»), und es zwei Jahre später etwas grösser nachbauen.
Die Komitee-Krieger. Niemand entscheidet allein, also entscheidet am Ende niemand, bis die Idee von selbst veraltet ist.
KMU haben diese Typen selten. Nicht weil sie klüger wären, sondern weil sie sich Komitees schlicht nicht leisten können. Und das ist gut so.
Ressourcenknappheit als Innovationstreiber: Was die Forschung dazu sagt
Die Ökonomin Saras Sarasvathy prägte mit ihrer Effectuation-Theorie ein Prinzip, das genau hier ansetzt: Statt von einem fixen Ziel rückwärts zu planen, arbeiten erfolgreiche Gründerinnen und Gründer vorwärts von den Mitteln, die sie gerade zur Hand haben. Man startet mit dem, was da ist, nicht mit dem, was man bräuchte. Innovation in KMU funktioniert ähnlich. Meist unter dem Radar jeder Managementliteratur.
Lies dazu auch unseren Artikel Von Improvisation zu Innovation: Mit Effectuation zum kreativen Erfolg
Auch die Konsumforschung bestätigt den Effekt aus einer anderen Richtung. Moreau und Dahl zeigten 2005 im Journal of Consumer Research in mehreren Experimenten, dass moderate Einschränkungen die kreative Leistung von Teams tendenziell steigerten, weil naheliegende, aber mittelmässige Lösungen schlicht wegfielen. Grenzenlose Ressourcen führen paradoxerweise oft zu grenzenlos vielen Meetings, aber nicht zu mehr guten Ideen.
«Der Konzern optimiert die Innovationsabteilung. Das KMU optimiert das Problem. Nur eine dieser beiden Strategien liefert bis Freitag ein Ergebnis.»
Innovation in KMU systematisch nutzen
Der Innovationsvorteil von KMU ist kein Freibrief für Chaos. Er lässt sich sogar bewusst kultivieren, ohne dass man dafür eine Abteilung braucht.
Fokussierung: Es braucht bloss EIN echtes Problem, kein Portfolio aus zwanzig halbgaren Ideen.
Schlank: Kein Wasserkopf, keine Freigabeschlaufe, die niemand mehr durchschaut.
Iteration: Schnelle Testläufe direkt beim Kunden statt monatelange interne Simulation.
Nah am Kunden: Kurze Wege zwischen Werkstatt und Feedback, oft im selben Gespräch.
Konsequenz: Eine Person entscheidet und trägt die Verantwortung, kein Gremium verwässert sie.
Genau diese fünf Punkte sind es, die Konzerne bei aller Innovationsabteilung strukturell nur schwer nachbauen können. Nicht aus Unfähigkeit, sondern weil ihre Grösse andere Spielregeln erzwingt.
Erkennst du deinen eigenen Innovationsvorteil?
Frag dich ehrlich: Wo in deinem Unternehmen entsteht gerade improvisiert etwas Gutes, einfach weil niemand Zeit oder Budget für den offiziellen Weg hatte? Genau dort liegt oft mehr strategisches Potenzial, als drei Workshops zum Thema Innovationskultur zutage fördern würden. Wenn du diesen Vorteil bewusst ausbauen willst statt ihn dem Zufall zu überlassen, dann nimm dir fünf Minuten Zeit und löse die nachfolgende SOULWORXX Bricolage-Challenge. Du hast 5 Tage Zeit für eine Challenge und erstellst einen Plan, wie du den entsprechenden «Sprint» bis Freitag ins Ziel führst.
Es werden keine Daten gespeichert, alles ist komplett anonym.
Wenn du nach dem Spiel Unterstützung von «echten» Innovationscoaches brauchst, für die kundenzentrierte Sprints eher die Regel als die Ausnahme sind, dann nimm direkt über den entsprechenden Button am Ende des «Games» Kontakt mit uns auf. Wir freuen uns darauf.
Quellen und weiterführende Literatur
Baker, T. & Nelson, R. E. (2005). Creating Something from Nothing: Resource Construction through Entrepreneurial Bricolage. Administrative Science Quarterly, 50(3).
Sarasvathy, S. D. (2001). Causation and Effectuation: Toward a Theoretical Shift from Economic Inevitability to Entrepreneurial Contingency. Academy of Management Review, 26(2).
Moreau, C. P. & Dahl, D. W. (2005). Designing the Solution: The Impact of Constraints on Consumers' Creativity. Journal of Consumer Research, 32(1).
Radjou, N., Prabhu, J. & Ahuja, S. (2012). Jugaad Innovation: Think Frugal, Be Flexible, Generate Breakthrough Growth. Jossey-Bass.
OECD (2023). SME and Entrepreneurship Outlook. OECD Publishing.




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