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Generationenmythos am Arbeitsplatz: Sind Boomer wirklich so anders als die Gen Z?

vor 1 Tag
4 Min. Lesezeit

«Die Jungen wollen halt nicht mehr arbeiten.» Diesen Satz hast du bestimmt schon gehört, vielleicht hast du ihn selbst gedacht. Der Generationenmythos klingt nach Erklärung, ist aber nicht selten nur eine Ausrede für ein ungelöstes Führungsproblem. Eine kleine Reise durch das Schlagwort-Duell Boomer vs Gen Z und das, was tatsächlich dahintersteckt.


Und schon wieder höre ich es heute aus dem Umfeld meines Sprösslings: «Du Boomer, du!» Und das von einem Teenager. Auf meine Nachfrage, ob er eigentlich wisse, was ein Boomer genau sei, meinte er: «Na, halt alle, die über 30 Jahre alt sind... so wie du!»


Dann, am nächsten Tag in der Firma von den etwas älteren Kolleg:innen: Gleich zum x-ten Mal: «Die Generation Z will einfach nicht mehr arbeiten.» Alle nicken. Vornehm zurückhaltend, aber zustimmend. Niemand fragt, warum die Firma seit zwei Jahren drei Stellen nicht besetzen kann, obwohl der Lohn unter dem Branchendurchschnitt liegt. Generationenlabels sind bequem. Sie sparen Zeit, vor allem aber sparen sie die unbequeme Frage nach der eigenen Führung.


«Die Jungen wollen nicht mehr arbeiten»: Der Generationenmythos im Faktencheck

«Gen Z will nicht mehr arbeiten», heisst es. Diesen Satz gibt es nicht erst seit Gen Z. Schon die «Null-Bock-Generation» der Achtzigerjahre musste sich das anhören, genauso die Postmaterialisten davor. Jede Generation glaubt offenbar fest daran, dass die nächste weniger arbeiten will als sie selbst. Der Generationenmythos beschreibt genau diese Annahme, dass Geburtsjahrgänge automatisch unterschiedliche Werte und Arbeitseinstellungen haben. Ein Glaube, den die Forschung nicht stützt.


Warum Generationenlabels nichts erklären

Der Soziologe Martin Schröder hat das systematisch überprüft. Er wertete über 500'000 Einzeldaten aus dem deutschen Sozio-oekonomischen Panel aus, einer Langzeitbefragung von rund 70'000 Personen seit 1984. Sein Befund ist eindeutig, messbare Generationenunterschiede in den Einstellungen gibt es kaum. Was wie ein Generationenkonflikt am Arbeitsplatz aussieht, ist meistens ein Alters- oder ein Zeitgeist-Effekt. Junge Menschen denken heute tatsächlich anders als junge Menschen vor dreissig Jahren. Aber sie denken nicht anders als gleichaltrige Menschen damals. Das Geburtsjahr erklärt fast nichts, der Zeitpunkt der Befragung erklärt fast alles.

Wissenschaftlicher Hintergrund Schröder analysierte die Daten nach Alter und Zeitgeist getrennt. Der grösste verbleibende Unterschied zwischen den Geburtsjahrgängen betrug 0,1 Punkte auf einer Skala von 1 bis 3. Eine belastbare empirische Grundlage für klassische Generationenlabels wie Boomer oder Gen Z fand sich nicht.

Vier Gründe hinter dem Boomer-gegen-Gen-Z-Vorwurf

Führungsprobleme statt Generationenkonflikt, das ist die kurze Version. Wenn das Etikett nicht stimmt, woher kommt dann das Gefühl, dass im Team etwas nicht stimmt? Meistens steckt eines von vier ganz handfesten Organisationsproblemen dahinter.


Fehlende Führung

Niemand klärt Erwartungen, also verschwimmt auch die gegenseitige Wahrnehmung der Generationen.

Arbeitsbedingungen von gestern

Schichtpläne, Löhne, Hilfsmittel, Büros und Prozesse aus einer Zeit, in der E-Mail noch neu war.

Unklare Perspektiven

Wer nicht weiss, wohin die Reise geht, steigt früher aus.

Lückenhafte Kommunikation

Feedback kommt einmal jährlich, wenn überhaupt.



Generationismus: Wenn Schubladendenken System hat

Generationenstereotype halten sich hartnäckig, obwohl die Daten dagegen sprechen. Die amerikanischen Organisationspsychologen Cort Rudolph und sein Team haben in einer grossen Übersichtsarbeit im «Journal of Business and Psychology» zehn gängige Mythen rund um Generationen systematisch widerlegt. Ihr Fazit, Generationenkategorien erklären Verhalten am Arbeitsplatz kaum, schaffen aber sehr wohl Erwartungen, die sich selbst erfüllen. Wer glaubt, Gen Z wolle keine Verantwortung, gibt ihr weniger Verantwortung. Und wundert sich dann, dass sie weniger Verantwortung übernimmt. Schröder geht noch einen Schritt weiter und vergleicht diesen «Generationismus» mit anderen Schubladen, die Menschen aufgrund unveränderlicher Merkmale in Kategorien stecken. Der Vergleich ist unbequem. Er ist aber auch ziemlich präzise.

«Ein Generationenkonflikt ist selten ein Alarmsignal aus der Zukunft. Meistens ist er ein Echo aus dem Mitarbeitendengespräch, das nie stattgefunden hat.»

Auf fremden Schultern: Warum auch Gen Z nicht bei null anfängt

Die Gegenrichtung des Vorwurfs ist genauso unscharf. Wenn jüngere Mitarbeitende den Babyboomern (Jahrgänge 1950 - ca. 1964) vorhalten, von moderner Arbeit keine Ahnung zu haben, blendet das eine Tatsache aus. Homeoffice, flexible Arbeitszeitmodelle und die ganze digitale Infrastruktur, die heutige Freiheiten erst möglich macht, wurden von genau jenen Generationen aufgebaut, denen man jetzt Ahnungslosigkeit unterstellt. Fortschritt ist kein Generationenprivileg. Wer das vergisst, ersetzt einen Generationenmythos einfach durch den nächsten.


Organisationsdiagnose statt Generationenklischees: Was wirklich hilft

Gutes Generationenmanagement beginnt nicht beim Geburtsjahr. Wer einen Generationenkonflikt im Unternehmen lösen will, beginnt bei der Organisation. Welche Erwartungen sind unklar? Welche Strukturen sind seit zehn Jahren unverändert? Wo fehlt ehrliches Feedback? Wo könnten die einen von den anderen profitieren, lernen? Eine saubere Organisationsdiagnose liefert Antworten, die ein Generationenlabel niemals liefern kann, weil sie tatsächlich etwas erklären. Und Antworten mit kreativen Lösungen gibt es genügend. Warum nicht beispielsweise mit einem «Rule Reboot» alte Organisationsregeln auf den Prüfstand stellen? Mit «Reverse Mentoring» gegenseitiges Lernen ermöglichen, bei dem die Erfahrung genauso zählt wie der frische Blick? Oder mit einem «Friction Hunting» gemeinsam herausfinden, wo die wahren Stolpersteine der Zusammenarbeit liegen? Vielleicht braucht es auch einfach ein neues «Team Operating System», mit dem Mitarbeitende ihre Spielregeln gemeinsam definieren.

Das alles hat erstaunlich wenig mit dem Geburtsjahr zu tun. Dafür umso mehr mit Offenheit, gegenseitiger Wertschätzung und der Bereitschaft, eingefahrene Muster zu hinterfragen. Denn nicht die Generationen müssen wir verändern. Sondern die Bedingungen, unter denen sie zusammenarbeiten.


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Quellen

  • Schröder, M. (2018). Gibt es Generationen wirklich? Eine Replikation und Erweiterung empirischer Generationenforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

  • Schröder, M. (2023). Warum es keine Generationen gibt. Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP v38), Universität Marburg / Universität des Saarlandes.

  • Rudolph, C. W., Rauvola, R. S., Costanza, D. P., & Zacher, H. (2021). Generations and Generational Differences: Debunking Myths in Organizational Science and Practice and Paving New Paths Forward. Journal of Business and Psychology, 36, 945–967.

  • Ravid, D. M. et al. (2025). Generational differences at work? A meta-analysis and qualitative investigation. Journal of Organizational Behavior.

  • Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), laufende Erhebung seit 1984.


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