Urban Manufacturing. Megatrend für Organisationen und Standorte.



Genau vor zwanzig Jahren gab Richard Florida sein Buch «The rise of the creative class» heraus und beschrieb darin den Wandel von der industriellen zur kreativen Wirtschaft. Kreativwirtschaft bedeutet nicht bloss «Design» und «Werbewirtschaft», alles was mit Wissen zu tun hat, gehört dazu. Im deutschen Sprachbereich würde man diese also eher als Wissensgesellschaft bzw. Wissenswirtschaft bezeichnen. Florida prägte in seiner Publikation den Satz «Jobs follow people». Üblich war bisher genau das Gegenteil: «People follow jobs» und pendeln bzw. verlegen ihren Arbeitssitz dorthin, wo die attraktiven Firmen sich befinden. Doch in einer zunehmend digital geprägten Kreativwirtschaft spielt der Wohnort keine so grosse Rolle mehr wie früher. Dazu kommt der stetig wachsende Fachkräftemangel, so dass sich Firmen heute überlegen, sich dort anzusiedeln, wo die höchste Verfügbarkeit von Fachkräften ist. Und das bleibt wohl noch länger die Stadt! Obwohl sich der Trend in der Covid-Pandemie abschwächte und wieder mehr Menschen in die Kleinstadt oder gar aufs Land zogen, rechnet bspw. die grösste Schweizer Stadt

(Zürich) in ihrem zurückhaltenden, also vorsichtigen Szenario bis zum Jahr 2040 mit einem Bevölkerungswachstum auf 481'000 Personen (www.stadtzuerich.ch/szenarien). Verglichen mit dem Stand per Ende November 2021 (ca. 437'000) entspricht dies einer Zunahme von 44'000 Personen in 18 Jahren, was einer kontinuierlichen Zunahme von über 0.5 % pro Jahr oder insgesamt gut 10 % entspricht.


Jobs follow people! Das würde also bedeuten, dass sich in den nächsten zwanzig Jahren viele Arbeitsstellen – virtuell oder physisch – in die Stadt oder Stadtnähe verlagern. Das macht Sinn! Denn im Zuge einer nachhaltigen Zukunft der Gesellschaft muss man sich auch Gedanken über kürzere Pendler- und Logistikwege machen.


WAS WÜRDE DIES FÜR IHRE ORGANISATION BEDEUTEN?

Ist Ihr Unternehmen bereits in der Stadt oder in der Agglomeration angesiedelt? Wenn nein, würde dies bedeuten, dass man eventuell die grosse Fläche, die man heute belegt, aufteilen müsste? Vielleicht eine virtuelle Firma bauen, bei der die Basis für das Marketing in der Innenstadt liegt, die Produktion aber im Vorort und die HR-Abteilung vollständig virtuell funktioniert? Vorteile hätte ein solches Szenario neben den kürzeren Wegen weitere! Vor über zehn Jahren erstellten wir für eine Wirtschaftsregion eine interne Studie zur nutzerzentrierten Standortentwicklung. Im Kernfokus standen Hightech-Unternehmen, deren Bedürfnisse in

(Firmen-)Ansiedlungsprozessen gedeckt werden sollten. Mit High Tech-Unternehmen waren nicht bloss produzierende Unternehmen, sondern allgemein Firmen, der am Anfang dieses Artikels erwähnten «Creative Class-Society» gemeint.


NÄHE ZU HOCHSCHULEN WICHTIG

Zwei Punkte stachen bei der Recherche heraus: Erwähnte Firmen, die einen neuen

Standort suchten, waren (fast) immer sehr interessiert, eine ihnen von der Thematik

her nahestehende Hochschule auch in relativer geografischer Nähe zu haben. Dies, um

a) den Wissensaustausch mit Wissenschaft und Lehre sicherstellen zu können und b)

um in relativer Nähe um Studienabgänger:innen mit attraktiven Angeboten buhlen zu können. Google macht es vor! 2004 startete das amerikanische Unternehmen in Zürich mit zwei Mitarbeitenden. Heute bietet die Hightech-Firma in Zürich rund 5'000 Arbeitsplätze an. Dies nicht bloss, weil Zürich eine schöne Stadt ist, sondern vor allem weil die renommierte

«Eidgenössische Technische Hochschule» (ETH) in Zürich zu Hause ist.


MITARBEITENDE WÜNSCHEN EIN ADÄQUATES FREIZEIT- UND KULTURANGEBOT

IN GEOGRAFISCHER NÄHE

Die Studie ergab auch, dass Mitarbeitende solcher Firmen ein grosses Freizeit- und Kulturangebot vor Ort suchen. Dies, weil man die freie Zeit nicht zum Pendeln zu einem ruralen Wohnort einsetzen, sondern zum persönlichen «Genuss» nutzen will, also kurze Wege sucht. Hand aufs Herz: Wer bietet einem Studienabgänger ein grösseres Freizeit- und Kulturangebot, das seinen Wünschen entspricht? Die Grossstadt oder das Dorf auf dem Land?


POTENZIAL UND VORZÜGE

Auch wenn die Landpreise in der Stadt wesentlich höher liegen als auf dem Land… viele Unternehmen legen viel Wert auf spannende Gebäude für ihre Unternehmensbasis (siehe beispielhaftes Artikelbild). Und die Stadt bietet viele interessante ehemalige Brachen in denen früher Industriefirmen angesiedelt waren. Als PR-Effekt und aus Sicht eines guten Employer

Brandings ist dies nicht zu unterschätzen. Für Unternehmen besteht im Übrigen auch der Vorteil, dass bereits bestehende städtische Infrastruktur genutzt werden kann und Clustereffekte (Kooperationsvorteile und erleichterter Wissensaustausch) entstehen.


Dazu kommt die Nähe zu potenzieller Kundschaft. Im Kontext eines nachhaltigen Wirtschaftens dürfen auch Energie-Kooperationen (bspw. Nutzung der Abwärme aus Produktionsprozessen) nicht vergessen werden. Das Thema «Urban Manufacturing», bei dem man übrigens zwischen «urbaner Industrie», «urbanen Manufakturen» (Handwerk) und urbaner Landwirtschaft (Urban Farming) unterscheidet, ist nicht bloss für Firmen interessant. Auch Kommunen sollten im Kontext mit ihren Standortinnovations- bzw. -entwicklungsaktivitäten das Thema behandeln.

Mindergenutzte Flächen werden funktional durchmischt und damit aufgewertet. Die Kommune trägt zu kürzeren Wegen bei und entlastet teilweise den überlasteten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und das Pendleraufkommen vemindert sich. Indem Arbeitsplätze in der Kommune geschaffen werden, wird die Kaufkraft gesteigert und damit einhergehend auch

die Gewerbesteuereinnahmen. So oder so: Urban Manufacturing ist ein Megatrend, der sich hervorragend eignet, um einem der nächsten Workshops einen spannenden Strategieteil hinzuzufügen! Warum nicht an einem halben oder ganzen Tag ein Zukunftsbild erstellen, wie das

eigene Unternehmen in zwanzig Jahren aussehen könnte, wenn es in der Stadt angesiedelt ist? Dies im Sinne einer länger angelegten Corporate Foresight-Initiative!


Dieser Artikel erschien erstmalig im Innovationsmagazin INNOV8! von SOULWORXX in der Ausgabe 1/2022 zum Thema "Subskriptionsökonomie"

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